Solange wir nur hassen können…

Hass ist eine mächtige Emotion. Und ich würde sie als eine der Triebfedern menschlichen Aktionismus bezeichnen. Wahlen werden nicht gewonnen, weil man für den Gewinner ist. Wahlen werden gewonnen, weil man gegen den Verlierer ist. Etwas Positives wird allzu oft nur mit einem anerkennenden Nicken zur Kenntnis genommen.

Doch das, was uns missfällt, bringt uns auf die Barrikaden.

Ich selbst stelle fest, dass ich am besten schreibe, wenn mich etwas aufregt, wütend macht. Ich arbeite am besten, wenn ich irgendwem beweisen will, dass ich es besser kann als er. Ich argumentiere am besten, wenn ich irgendwen in Grund und Boden reden will. Ich räume am besten auf, wenn mich das Chaos auf meinem Schreibtisch wirklich nervt. “Kreative Unzufriedenheit” nennt man das, wenn daraus eine bahnbrechende Erfindung entspringt. Oder sonst irgendetwas nützliches. Hass, wenn es sich verstärkt und destruktiv wird. Bleibt. Immer präsent ist.

Hass ist eine mächtige Emotion.

Und ich unterstelle, dass wir alle sie verspüren. Der eine, wenn wieder irgendein Dummkopf mehr Überwachungskameras oder Stoppschilder im Internet fordert. Der andere, wenn er physisch oder mental verprügelt wird. Letztlich sind die Beispiele so weit garnicht entfernt. Nur, wer beginnt mit dem Hass? Und wie beendet man die Spirale, die sich dadurch in Gang gesetzt hat?

Hätte irgendjemand wirklich eine Antwort darauf, er würde ein reicher Mann werden. Und, weil wir Menschen ein so ironisches Volk sind, sehr schnell auch ein toter. Ganz nach dem Vorbild eines Jesus Christus, Martin Luther King, Mahatma Ghandi. Er wird, um es mit Douglas Adams Worten zu sagen, “an einen Baum genagelt, weil er sich gedacht hat, wei toll es doch wäre, wenn sich alle Menschen zur Abwechslung mal lieb haben”. So sind wir Menschen. Wir hassen unseren Hass, aber lieben müssen wir ihn deswegen trotzdem. Verrücktes Volk.

Verrückt ist es auch, wenn Ideen und Ideologien, die sich der Liebe verschrieben haben, hassen “wie die Weltmeister”. Und ich muss erst garnicht bis in den nahen oder fernen Osten gehen und grüne Flaggen mit Halbmonden hervorziehen, um mein kleines Feindbild des Tages präsentieren zu können. Nein, gerade reicht es, vor die Tür zu gehen. Oder aus dem Fenster zu schauen. Denn wenn da nicht ein oder zwei Bäume im Weg wären, könnte ich den örtlichen Kirchturm von meinem Schreibtisch aus sehen. Hören kann ich ihn in jedem Falle.

Es gibt Tage, da schäme ich mich, dass ich das Gebäude, zu dem dieser wirklich schön anzusehende Turm mit großer Uhr und noch größerer Glocke innenliegend gehört, regelmäßig aufsuche und mich dabei “Christ” nenne. Ich schäme mich, dass ich der Botschaft der Kirche, der Botschaft Jesu Christi nicht entziehen kann. Ich schäme mich, dass ich immer wieder predige, dass man die Texte der Bibel nicht eins zu eins in die heutige Zeit ziehen darf und dass solche Texte verdammt nochmal interpretiert gehören. Es gibt Tage, da schäme ich mich, dass ich das Christentum im Großen und Ganzen für eine wirklich sehr gute Idee halte. Dass ich meine Vorstellungen von Ethik und Moral “christlich” nenne. Und dass ich dem Gesetzeswerk, an das ich mich tagtäglich halte, noch zehn weitere einfache Sätze hinzufüge, weil ich finde, dass sie das Miteinander der Menschen nur bereichern können.

Ein solcher Tag ist heute. Wieder einmal. Hass ist eine zu mächtige Emotion. Sie nimmt überall hin Einzug. Auch in die Botschaft der Liebe, der Akzeptanz, der Toleranz. Es gibt Menschen, die sich Katholiken, Christen nennen. Und nichts als Hass und Zerstörung predigen. Die vorgeben, an das zu glauben, an das ich glaube. Und doch mit jedem Wort das sie sprechen, meine Überzeugungen und mich in den Schmutz ziehen. Was sind das für Menschen, frage ich mich, die einen solchen Hass hegen auf andere, dass sie Gift und Galle spucken, sie diffamieren, wo es nur geht, und all das unter der Lüge, ihnen nur helfen zu wollen? Was sind das für Menschen, frage ich mich, die einen solchen Hass hegen und daran nicht selbst zu Grunde gehen, sondern andere daran zu Grunde gehen lassen?

Ich gebe zu, ich habe es provoziert: Ich hätte die Gnade der Unwissenheit zu schätzen wissen sollen. Und sie vor allem nicht leichtfertig verspielen sollen. Hätte, hätte, hätte…

Hab’ ich aber nicht. Ich gebe zu, ich wollte ein wenig belächeln, wollte ein wenig hassen, wollte mich ein wenig besser fühlen, als diejenigen, über die ich herzuziehen gedachte. Wollte ihre jämmerlichen Phrasen zerpflücken und ihre Dummheit in jedem Buchstaben nachweisen. Ein wenig mehr als nur ein wenig vermessen. Letztlich hat es sich lediglich gerächt.

Hass ist eine mächtige Emotion. So mächtig, dass es mir unter anderem die Sprache verschlagen hat, als ich gelesen habe, was die selbsternannten Sittenwächter der falschen Christenheit auf kreuz.net über Homo- und Bisexuelle sagen schreiben. Erbärmlich. Gemein. Hinterhältig. Missgünstig. Hasszerfressen.

Das, was ich vorhin durchgemacht habe, ist ein klarer Fall von “Fremdschämen”, denn der Dreck von Gedankenschlecht (”gut” will ich das trotz anderer Bedeutung des Wortes einfach nicht nennen), der da ins Internet erbrochen wurde, ist sicher nicht meiner. Trotzdem setzen sich solche Menschen in Beziehung zu mir, weil sie vorgeben, mit mir die Religion zu teilen. Und ich kann nichts dagegen tun – gegen Dummheit ist eben kein Kraut gewachsen.

Und deswegen werden sie weiter schreiben, diffamieren, lügen, hassen. Unwahrheiten in die Welt setzen, wie so mancher Potentat in der Historie uneheliche Kinder. Sie werden so aktiv bleiben, wie sie sind. Wie jeder Mensch in seinem kleinen Themengebiet so aktiv bleiben wird, wie er ist. Weil er einen Feind hat, gegen den er aktiv ist. Oder auch nur ein Feindbild, dass er zwar nicht kennt, aber dennoch aus tiefster Seele hasst.

Und die Welt wird sich – trotzdem? gerade deswegen? – weiterdrehen.

Solange wir nur hassen können.

2 Responses to “Solange wir nur hassen können…”

  1. Jihan Says:

    Ein düsterer Beitrag, durchzogen von einer Schwere, die durch den augenscheinlichen Zynismus nicht überdeckt werden kann. Ich werde keine tröstenden Worte finden für Dich, auch wenn ich das gerne wöllte. Borniertheit, Schubladendenken und blinde Aversionen (der Einfachheit halber zusammengefasst unter dem Prädikat der Dummheit) ist ebenso (über-)mächtig wie Hass. Leider. Uns bleibt nur, jeden Tag aufs Neue zu versuchen, ein wenig mehr davon aus der Welt zu schaffen.
    Mit Liebe.

  2. Tasha Says:

    Ich muss mich nicht gleichsetzen mit denen, die sich Christ nennen, um meinen Glauben zu leben oder mich zu ärgern, dass es Menschen gibt, die mit mir eine Religion teilen und denen das Wort Nächstenliebe und Toleranz fremd ist. Aber wie sie habe auch ich meinen Hass und der tritt nicht zu knapp zu Tage, wenn er denn provoziert wurde oder durch das Lesen, Hören, Sehen von Dingen die mir zuwider sind hervorbricht. Ich finde in jeder Gesellschaft, jeder Sekte, jeder Glaubensrichtung, jedem Land, jedem Volk den erwähnten Hass. Um es Pars pro toto, die Nase der Menschheit zu nennen, angefangen mit der Eigenen, die man im Gesicht trägt und an die man fassen sollte, kann man einen kleinen Beitrag leisten Hass zu bekämpfen.