Es ist schon beeindruckend, was derzeit an und in Medien um die Bundeswehr rummelt. Ich könnte jetzt ungefähr 20 Links setzen, zu den verschiedensten Nachrichten- und “Nachrichten”-Angeboten. Aber ich denke, ein Bericht der Tagesschau sollte reichen, um den notwendigen Kontext in Erinnerung zu rufen. Ist ja nicht so, dass es derzeit ein Randphänomen wäre, die äußerst wahlkampftaugliche Kritik an den Kameraden in Afghanistan.
Ich möchte, bei aller Affinität zum Militär, derzeit wirklich nicht in der Haut des deutschen Kommandeurs in Afghanistan stecken. Und auch nicht in der Haut des armen Tropfes, der den Luftangriff da unten angefordert hat. Da macht er seinen Job und schon zieht die gesamte NATO über ihn her. Dass man als deutscher Soldat in Afghanistan in Deutschland nichts weiter als ein Verfahren an den Hals bekommt, wenn man sich entsprechend seines Mandates verhält, haben wir ja schon am Beispiel des Hauptfeldwebels gesehen, der an einem Checkpoint eine Frau und zwei Kinder erschossen hat. Zur Erinnerung: Ein Auto fährt mit überhöhter Geschwindigkeit auf einen Checkpoint zu und reagiert auf kein Zeichen zum Anhalten, nicht einmal auf Warnschüsse. Aus Angst vor einem Sprengstoffanschlag auf sich und seine Kameraden (ich hätte auch schreiben können: “In Todesangst”) befiehlt der Soldat zu feuern und schießt selbst. Als Resultat darf er sich vor einem deutschen Gericht verantworten. Ich weiß nicht mehr, ob es Mord, Totschlag oder Tötung aus/durch/wie-auch-immer war und ehrlich gesagt ist die genaue juristische Betrachtung hier für mich nur wenig relevant. Es reicht völlig zu sagen, dass man ihn dafür, dass er seine Pflicht getan hat, medial und politisch kreuzigte.
Und jetzt schon wieder. Ich frage mich manchmal, was unsere Politiker erwarten. Dass die Bundeswehr unten in Afghanistan rumsitzt und sich den Daumen lutscht? Und dass die Todesursache der Gefallenen (und das Wort benutze ich sehr bewusst) eine unverheilte, komplexe Fraktur eben jenes Daumens war? Wegen Überbeanspruchung? Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und wo geschossen wird, fallen Soldaten, fallen Kämpfer. Auf beiden Seiten.
Mir persönlich ist es gefühlsmäßig deutlich lieber, wenn ein paar Afghanen draufgehen, als wenn ein paar deutsche Soldaten das tun, auch wenn das unter “ethisch fragwürdig” bis “grenzend an Rassismus” anzusiedeln ist. Allerdings wäre das Geschrei hier noch größer, hätte man anstatt einem Bomber zwei oder drei Hubschrauber oder einen Panzerzug losgeschickt, um die Taliban und ihre Tanklaster zu neutralisieren. Dann wären nämlich wieder ein paar Särge in der nächsten Trall zurück nach Deutschland mitgeflogen.
Diese Doppelmoral unter den deutschen Politikern ist zuweilen verwunderlich, zuweilen regelrecht ekelhaft. Dieser Krieg wurde beschlossen. Er wurde gewollt. Das Parlament hat wieder und wieder dafür votiert, deutsche Soldaten in ein Krisengebiet, in ein Kriegsgebiet zu schicken. Erst neulich hat man ihr Mandat endlich ein wenig weiter den realen Gegebenheiten angepasst und den Soldaten erleichtert ihren Auftrag – ihren von der Politik gegebenen Auftrag – zu erfüllen. Und jetzt geraten sie sogar in die Kritik von anderen NATO-Staaten, allen voran die USA (Randbemerkung: Die USA, das sind die jenigen, die von einem Hügel aus mit einer Kalashnikov beschossen werden und diesen Hügel durch eine A10 etwa eine Viertelstunde später erstmal 10 – 20 Meter tiefer legen.)
Ich bin sicher, die Verantwortlichen in Kundus hatten zur Zeit der Befehlsausgabe ein Lagebild vorliegen, das den gegebenen Befehl doppelt und dreifach rechtfertigt. Denn jeder deutsche Soldat weiß, dass er in der Öffentlichkeit in Deutschland zuweilen weniger Rückhalt hat als ein Kinderschänder. Da ist man doppelt und dreifach vorsichtig, bevor man einen Luftangriff befiehlt. Das Lagebild mag falsch gewesen sein, vielleicht. Aber solche Dinge passieren, gerade im Krieg.
Und die Politik hat diesen Krieg gewollt, sonst wäre er nicht beschlossen worden. Die Bundeswehr fährt solche Einsätze nicht aus eigenem Antrieb. Unsere Soldaten können sich nämlich schöneres vorstellen, als sich drei bis acht Monate lang ständiger Lebensgefahr auszusetzen. Und verwundert zu tun, dass in einem Krieg Menschen sterben… Krieg ist das Gegenteil von Frieden.
Und wenn du Krieg willst, beende den Frieden.