Humanitäre Killerspiele gefordert – Teil II

Ich habe für den vorhergehenden Beitrag kurz ixquick bemüht. Dabei bin ich auf das Projekt “Killerspiele: rechtsfreie Räume?” von TRIAL und Pro Juventute gestoßen. Schon der Titel machte mir klar: Dafür gibt es einen eigenen Eintrag.

Bevor ich ans Eingemachte gehe: TRIAL steht, neben der engl. Bedeutung “Gerichtsverhandlung”, für “Track Impunity Always”, also “Ungestraftheit immer verfolgen” und ist die Kurzbezeichnung für die Schweizerische Gesellschaft für Völkerstrafrecht. Der Einstellung nach sind das die Menschen, die dafür sind, Verstöße gegen das Völkerrecht in jedem Falle zu verfolgen und zu ahnden. Also: Befürworter von Strafen. Es verwundert also nicht, wenn sie auch für Spiele auf Kontrollmechanismen setzen.

Aber zur Sache: Am Freitag veröffentlichte TRIAL gemeinsam mit Pro Juventute eine Presseerklärung, in der von einer “Studie” die Rede ist, welche das ob und wie der Beachtung des hum. Völkerrechts in Computer-Kriegsspielen zum Thema hatte. Das Ergebnis, so die Presseerklärung, sei so ernüchternd wie die Realität. Ich möchte zustimmen. Krieg ist eine schreckliche Sache. Wenn das Computerspiel solche Schrecken darstellt – ist das dann nicht schlicht wirklichkeitsnah? Ja ist es und ja, deshalb ist es grausam. Und deshalb liest sich die Forderung, das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte in Kriegsspiele einzubauen, eigentlich nicht schlecht. Aber: Menschenrechte (z.B. das Recht auf körperliche Unversehrtheit)? Krieg? Krieg nach Clausewitz ist die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln. Ich möchte Krieg an dieser Stelle “staatlich legitimierten Massenmord” nennen. Was hat das mit Menschenrechten zu tun?

Bleiben die Völkerrechte. Da ich bei der iuris GmbH nicht viel aussagekräftiges gefunden habe, habe ich mir die Genfer Konventionen bei den Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft (so der korrekte Titel der Schweiz) einmal angesehen, um die entsprechenden Erinnerungen aufzufrischen.

Ersteinmal: Die Genfer Konventionen gelten nur sehr eingeschränkt für Spione und Saboteure (vgl. hier) und inwieweit sie de jure Anwendung auf “Söldner” und “Freischärler” finden, sei dahingestellt (meiner Erinnerung nach nämlich ebenso wenig). Wenn also die Sprecherin von Trial fordert, als Reaktion auf die Erschießung eines Zivilisten im Spiel könne ein Rotkreuz-Mitarbeiter den Spieler darüber informieren, dass er gerade gegen Völkerrecht verstoßen habe [und deshalb die Mission nun gescheitert sei], muss ich mich ernsthaft fragen, wie sinnvoll das wirklich ist. Alleine die Vorstellung, dass zwischen zwei irgendwo hochgehenden Granaten, sporadischem Gewehrfeuer vom Rand des Bildschirms und dem Jaulen eines überfliegenden Jagdflugzeugs auf einmal ein Rotkreuz-Mitarbeiter auftaucht und den Spieler auf die gerade erschossene Gestalt und deren Status als Zivilist hinweist, ist lächerlich. Was sollte er denn sagen? “Herr Leutnant, Sie haben soeben einen Zivilisten getötet. Dieser ist nach Art. 3 der Genfer Konvention geschützt. Dadurch, dass Sie sich somit gem. §8 I Nr. 1 VStGB strafbar gemacht haben, ist ihre Mission gescheitert. Kehren Sie unverzüglich zum Hauptquartier zurück und treten Sie ihre lebenslange Freiheitsstrafe an. Gehen Sie direkt dorthin. Gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie keine 4.000€ ein.”

Aber mal im Ernst: Natürlich geschehen in manchen Kriegsspielen am Computer Kriegsverbrechen am laufenden Band. Da werden nicht nur Zivilisten, sondern auch Verwundete niedergeschossen als gäb’s kein Morgen (naja, für die sicher nicht). Aber – Hand auf’s Herz – das ist nunmal leider Alltag im KriegBewaffneten Konflikt. Nicht jede Armee obduziert jeden Toten auf der anderen Seite (das Wort “Gefallener” benutze ich hier einmal bewusst nicht. Schließlich ist das kein Krieg im Hindukush…) genauestens, um zu ermitteln, ob nicht vielleicht ein Projektil in den Rücken und nicht in die Brust eindrang. Klar, die Bundeswehr leistet sich sowas, aber die Amerikaner? Die Russen? Die Franzosen? Die Italiener? Die Briten? Ohne diesen Staaten und ihren bewaffneten Armen per se Kriegsverbrechen unterstellen zu wollen (wobei, im Falle der Amerikaner nenne ich nur zwei Stichworte: Guantanamo, Abu Gareibh) – ich gehe davon aus, dass sie die Fälle, die es sicher gibt (Prinzip “Schwarzes Schaf” eben) sicher nicht so lückenlos aufdecken, wie wir.

Das hilft allerdings nicht dabei, dass die Gewaltdarstellung in Kriegsspielen am Computer weit über das hinausgeht, was völkerrechtlich legitimiert ist. Und das ist in der Tat etwas, was man kritisieren kann, darf und meiner Ansicht nach auch sollte. Man sollte sich davor verwahren (und das rechne ich TRIAL und Pro Juventute hoch an), die Spieler zu kriminalisieren. Aber auch das “Bestrafen” dieser Umstände halte ich für fragwürdig bis – bitte um Verzeihung – bescheuert. Entweder man spielt so ein Spiel, um Agressionen abzubauen (dann allerdings wohl weniger ein taktisches Kriegsspiel) oder, weil man die taktische und strategische Auseinandersetzung auf dem Gefechtsfeld – warum auch immer – anziehend findet. Und dann geht es eher darum, die Mission zu erfüllen, also dem Gegner (ob nun Computer oder Mensch) die eigene Überlegenheit zu demonstrieren.

Und hier der Knackpunkt, da, wo TRIAL und Pro Juventute aussteigen: Bestrafen ist nicht das Mittel der Wahl. Nicht bei einem Spiel, das ein Mensch allein gegen Computergegner spielt. Sollte ich in einem Spiel den obigen Dialog lesen/hören, werde ich das Spiel wegwerfen. Und ich bin sicher nicht der einzige, der das so machen würde.
Das Mittel der Wahl ist – und das Prinzip kennen auch die “begutachtenden” Organisationen – die Belohnung anstatt der Bestrafung. Ein Spiel, das Extrapunkte dafür vergibt, die Genfer Konventionen einzuhalten, macht bei weitem mehr Spaß als eines, das abbricht, weil ein verirrter Granatsplitter einen Verwundeten gestreift hat.

Aber da kommt der Mensch nicht aus seiner Haut. Ich bemerkte es eingangs, TRIAL, das sind die jenigen mit den Strafen für Kriegsverbrecher. Und prinzipiell rennen sie da bei mir offene Türen ein. Der Durchschnitts-Spieler von Command & Conquer, Tom Clancy’s (Spieltitel), Battlefield oder Codename: Panzers ist nunmal kein Kriegsverbrecher in der Größenordnung eines Milosevic, Ngeze, Hussein oder gar Hitler (und Konsorten). Er ist ein normales, wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Und deshalb muss man auch nicht bestrafen, was er “falsch” macht (Es ist ein Spiel… ein Computerspiel… keine Realität!), sondern fährt wesentlich besser damit, Anreize für richtiges Verhalten zu setzen.

Denn, da hat der schweizerische Oberpirat ein wahres Wort gesprochen: Für Ethik im Spiel ist jeder selbst verantwortlich.

Comments are closed.