Sieg der Vernunft?

Dezember 3rd, 2009

Es hat den Anschein, als habe in einige Köpfe in diesem Lande pünktlich zum Beginn der Weihnachtszeit wieder Vernunft Einzug gehalten: Die “Stiftung gegen Gewalt an Schulen” (SGS), einigen noch bekannt als das kunst- und kulturfeindliche “Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden” (AAW) hat über die Argumente des VDVC (”Verband für Deutschlands Video- und Computerspiele”) zumindest ein wenig nachgedacht, ihren Sinn erkannt und eine unhaltbare Position in Teilen aufgegeben. Zumindest liest sich so (wenn auch weit euphorischer formuliert) die entsprechende Pressemitteilung des VDVC. Gamer feiern es als Erfolg. Warum mein Zweifel? Warum “Anschein”, “ein wenig nachgedacht” und “in Teilen aufgegeben”?

Zunächst beschränkt sich die Aussage über das Abrücken von einem generellen (juristischen) Verbot lediglich auf Erwachsene:

„Einschränkungen für erwachsene Spieler müssen verhindert werden. Wer geistig reif ist, soll spielen was er will.“, so Patrik Schönfeldt, Vorstandsvorsitzender des VDVC. Auf diese Hauptforderung der Spieler antwortete Gisela Mayer, zweite Vorsitzende und Pressesprecherin der SGS: „Da bin ich einverstanden. Bei Erwachsenen ist es keine Frage des Verbotes, das sind selbstbestimmte Menschen.“

Während Patrick Schönfeldt vom VDVC dem Kriterium “erwachsen” auch noch “geistige Reife” hinzufügt (ein wichtiges Kriterium) lese ich die “Zustimmung” der Pressesprecherin des AAW, pardon, der SGS ein wenig anders. Es ist kein Abrücken vom Verbot. Es ist ein Abrücken vom Verbot für Erwachsene. Und bei denen sei “es keine Frage des Verbots”, sondern – der Moral, vermute ich.

Ich sehe nicht, dass sich an der Dämonisierung von Computerspielen und der Stigmatisierung ihrer Konsumenten von Seiten der Elterninitiative AAW/SGS etwas geändert hätte. Und weil die Pressemeldung gestern beim VDVC erschien, ich aber auch heute noch nichts bei AAW/SGS lese, möchte ich die Ernsthaftigkeit der Gespräche in Zweifel ziehen.

Eine Schlussbemerkung: Kunst- und kulturfeindlich habe ich die Mitglieder der Elterninitiative genannt. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass eben jene es waren, die noch vor weniger als zwei Monaten die öffentliche Sammlung Zerstörung von “Killerspielen” zelebrierten. Ich fühlte mich (und fühle mich noch mit wachsendem Ekel), das sage ich ganz deutlich, an den Nationalsozialismus, sog. “entartete Kunst” und Bücherverbrennungen erinnert. Und obwohl man sich in der Pressemitteilung über den aufgenommenen Dialog mit den Spielern freut, kündigt man frohen Mutes weitere Aktionen dieser Art an. Ein halbherziges Statement wie oben zitiert überzeugt mich da von einem Sinneswandel nicht.

Meine Uni zündelt

November 26th, 2009

Noch brennt es nicht, aber einige Hitzköpfe, so scheint mir, spielen bereits mit dem Feuerzeug. Worum geht es? Na klar – um den Bildungsstreik.

Als am Montag die Forderungen des Bundesweiten Bildungsstreiks von der hiesigen AG Bildungsstreik feierlich dem Präsidenten Herrn Dr. Pleuger übergeben wurden, hielt dieser eine längere Rede. Unter anderem bekundete er Verständnis für den Bildungsstreik, einige der Positionen, sicherte Dialogbereitschaft zu und bat (im Gegenzug dafür) darum, dass man zuerst in diesen Dialog treten möge – um erst dann zu streiken. Kurz: Es wurde ihm freundlich zugesichert, man wolle schließlich nicht einfach auf sturen Konfrontationskurs gehen, sondern etwas verbessern und mit der Universitätsleitung zusammenarbeiten.

Heute tagte dann die “Vollversammlung” der Studenten, einberufen durch eben jene AG Bildungsstreik, federführend unter anderem auch der Studentdie Studenten, der am Montag kurz (aber dem Umstand entsprechend “feierlich”) mit dem Präsidenten sprach. Nach und nach wurde das Phänomen “Bildungsstreik” vorgestellt, von Aktionen an anderen Orten berichtet, schließlich eine Diskussion in Gang gebracht, in der um Vorschläge für den Bildungsstreik an der Viadrina gebeten wurde. Unter dem Punkt “konkrete Aktionen hier” wurde auch – wen wundert’s – das Thema “Hörsaalbesetzung” genannt.

Es wurden einige Punkte für (Zeichen setzen, aktive Solidarität) und wider (Verhältnis zum Präsidium und der Leitung doch sehr gut, Offener Umgang) genannt, das Argument eines zentralen Anlaufpunktes zur Information führte schließlich dazu, dass der Konsens auf einen wie auch immer gearteten Raum an der Universität für den “Streik” hinauslief. Natürlich ohne Störung des Lehrbetriebes – aber das versteht sich einerseits von selbst und ist auch in besetzten Hörsäälen an anderen Universitäten kein Thema.

Im wesentlichen kamen dann drei Vorschläge zur Realisierung einer solchen “Besetzung” auf:
Erstens könnte man ein Zelt auf dem Campus aufstellen, dort der Jahreszeit entsprechend für Erwärmung (Suppe ebenso im Gespräch wie Glühwein) sorgen und ansonsten eben die “Streikzentrale” bilden. Inklusive Information und Diskussion.
Zum zweiten könne man einen Hörsaal besetzen – gleiches Ziel.
Oder eben die Universitätsleitung um einen Raum bitten, der zum genannten Zweck dient. Dazu muss man sagen, dass während des Bildungsstreiks für Studenten keine Anwesenheitspflicht bei Lehrveranstaltungen gilt, ein erstes Zugeständnis in diese Richtung also schon gemacht wurde, um diesen “wichtigen politischen Prozess”, wie es der Offizielle am Montag ausdrückte, zu ermöglichen.

Auf das Zelt hatte eigentlich keiner der Anwesenden (schätzungsweise knapp unter 100) wirklich Lust. Es ist nur zum Teil der Jahreszeit geschuldet; man befürchtete geringere Teilnehmerzahlen und – nicht ernst genommen zu werden, wenn man es nicht schaffe, einen Hörsaal zu besetzen.
Das wollte man indes auch nicht, es sei zu agressiv, zumal die Zustände an der Universität ja noch vergleichsweise gut sein. Man könne schließlich noch mit der Leitung in einen Diskurs treten (ich erinnere: das hatte man auch versprochen).
Friedlich um die Möglichkeit der besseren Organisation (denn mit diesem Argument wurde der Raum schließlich gefordert) einfach mal um einen Hörsaal zu bitten, kam indes auch nicht in die Frage. Zur Erfolgschance kann nur angemerkt werden, dass der Hörsaal, in dem die “Vollversammlung” statt fand, auch auf Nachfrage überlassen wurde. Recht schnell und bürokratielos, hatte ich den Eindruck. Gegen diese Möglichkeit wurde allerdings argumentiert, das sei zu “brav” und man werde nicht ernst genommen, wenn man “erst fragen würde”, bevor man sich den Raum, den man ja so wie so haben will, einfach nehme.

Einmal abgesehen davon, dass mir diese Ansicht schon von moralischen Gesichtspunkten her (”Nehmen wir es uns einfach, wenn sie es uns vielleicht nicht geben wollen, müssen wir auch nicht fragen!”) unverständlich ist, läuft die Aktion auf diese Weise in die gänzlich andere Richtung, als beabsichtigt wurde: Ob man nun einen Hörsaal nimmt oder ein Zelt auf Unigelände aufstellt – beides Male ohne ein (offizielles) Wort der Warnung, also als halbwegs agressive (”Immerhin wollen wir doch streiken!”, so ein Gegner der Bitte um Räumlichkeiten) Handlung. Neben der Frage, wem man eigentlich was sagen will (gegen die Universität richten sich die Proteste nämlich eher weniger) ist da auch die Frage, von wem man ernst genommen werden will: Von den mitprotestierenden Hörsaalbesetzern (denen die “Verhandlung” zu “weichgespült” sein könnte) oder vom Verhandlungspartner, der Universität und der Politik.

Ich als Teilnehmer am Bildungsstreik nähme jeden Protestierenden ernst. Sich im Protest üben kann man nämlich auch außerhalb von Lehrveranstaltungen, die man trotzdem weiterhin besucht. Auch die schlichte Präsenz an so einem zentralen Ort oder das Verteilen von Flugblättern ist Protest. Ich glaube nicht, dass die Agressivität des Protests ein Maßstab ist, an dem die Teilnehmer des Protests sich gegenseitig messen.

Ich wage hingegen zu bezweifeln, dass eine Universitätsleitung einen Verhandlungspartner ernst nimmt, der auf der einen Seite friedliche Verhandlungen verspricht und zum Auftakt der Aktionswoche am Montag erstmal Universitätsgelände besetzt. Wenn ich mich daran erinnere, dass dem Präsidenten eine Besetzung so unangenehm wäre, dass er in seiner kleinen Rede nach Überreichung der Forderungsliste des Bundesweiten Bildungsstreiks mehr als nur einen Satz dafür verschwendete, dass sowas doch bitte unterlassen werden möge.

Verhandlungspartner, die sich gegenseitig ernst nehmen, kommen ohne “Cowboy-Diplomatie” der harten Fakten aus, sondern können auch erst einmal mit einander reden. Ohne, dass man besetzt, räumt und beiderseits Fronten verhärtet.

Also, liebe Kommilitonen von der AG Bildungsstreik, bitte überlegt euch das nochmal in Ruhe. Bis Montag ist ja noch ein bisschen Zeit.

Deutliche Worte

November 25th, 2009

… findet Daniel Flachshaar in seiner neuesten Pressemitteilung der Piratenpartei Deutschland. Gegenstand ist das sog. “SWIFT-Abkommen”, eine Vereinbarung zwischen den USA und der EU, die den USA weiterhin weitreichende Zugriffsrechte auf die bald in der EU stehenden Bankserver der SWIFT zusichert.

Neben der datenschutzrechtlichen Bedenklichkeit (ich drücke mich an dieser Stelle ebenso beschönigend wie untertreibend aus), findet er ein paar Formulierungen, über die ich dann doch gestolpert bin.

“angelogen” wurden seiner Ansicht nach die Abgeordneten des EU-Parlaments. Ich möchte die Formulierung garnicht mal kritisieren, wenn die Abgeordneten wirklich mit falschen Informationen versorgt wurden. Und wirkliche Zweifel habe ich daran auch nicht. Aber es macht sich in einer politischen Pressemitteilung einfach nicht allzu gut, derart zu poltern.

Eine Passage ist mir dennoch übel aufgestoßen (während der Rest eher einen teilw. angenehmen “Aha!”-Effekt auslöste):

Die US-Behörden haben seit dem 11. September 2001 in Deutschland Befugnisse, wie sie nicht einmal deutsche Sicherheitsbehörden besitzen.

Naja, wohl eher “nach” dem 11. September 2001. Schließlich wollen wir uns an Fakten halten und nicht an Verschwörungstheorien. Was die US-Behörden seit dem 11. oder 12. September von Deutschland erhalten haben, waren Worthülsen wie “uneingeschränkte Solidarität” (bis heute muss ich dabei an “Nibelungentreue” denken, aber das nur am Rande). Aber die Kompetenzverschiebung (bedenklich und in einigen Teilen vielleicht auch – wie Flachshaar unterstellt darzustellen versucht – verfassungswidrig) setzte später ein. Ich will nicht noch mehr deutsche Behörden in 9/11 Verschwörungstheorien einbezogen wissen. Schon garnicht von der Piratenpartei.

Deutliche Worte sollten nämlich trotzdem einen gewissen Anspruch auf Seriösität erheben können.

Kurz korrigiert

November 24th, 2009

ZDF heute berichtet über Angelika Beers Eintritt in die Piratenpartei. Und leistet sich einen derben journalistischen Fehltritt, als folgendes behauptet wird:

Die Piratenpartei hatte sich unter anderem aus Protest gegen Internetsperren gegründet

Naja. Ich muss glaube ich nicht wirklich Quellen anführen, um derart offenkundige Fehler als solche zu entlarven.

Update: Ich habe Leser beim ZDF! ;D Die haben inzwischen ihren Schnitzer bemerkt: “Bezüglich des Fehlers über die Gründung der Piratenpartei. Wird gleich geändert.” heißt es bei Twitter. Na, das ging ja fix.

PR-relevant

November 24th, 2009

Ich muss ja sagen, wenn ich sowas lese, dann frage ich mich immer, wann bei fefe die erste Unterlassungserklärung ins Haus flattert, die er zu unterzeichnen hat unterzeichnen soll. Einfach, weil ich seine Interessenfoki für so PR-ungeschickt halte, dass sie diesen wahrhaft epischen fail auf Dauer nicht auslassen können. Und wer weiß: Liest man die Quelle seines Unmuts, hat man vielleicht jemanden gefunden, dessen PR so fehlerhaft ist, dass er von gerichtlichem Vorgehen nicht allzu weit entfernt ist.

Auch, wenn Felix von Leitner es in seinem Blog allzu spitz und politisch überaus inkorrekt formuliert: Einen gewissen wahren Kern kann ich dem nicht absprechen. Auch auf mich wirken die Antworten der Wikimedia Pressesprecherin ziemlich “Wischi-Waschi”-weichgespült, vor allem, wenn man als Kontrast die geballte Fachkompetenz von Kris Köhntopp liest.

Ich muss zu ihm und seiner Schreibe eigentlich nicht viel sagen, das spricht besser für sich als ich es je könnte, zumal es ja nicht wirklich etwas grundlegend Neues ist. Kris hat seine Ideen ja schon mehrfach verschriftlicht.

Unsere Politiker und das Internet

November 23rd, 2009

Nach einer Meldung von Heise hat der Branchenverband bitkom das Institut für Meinungsforschung ARIS beauftragt, etwas über die Bedeutung der Internetpolitik für den Bürger und ihr Vertrauen in die Politiker herauszufinden. Das haben sie getan, ein paar der Ergebnisse fasst Heise zusammen.

Es überrascht mich wenig, wenn 40% der 1.003 Befragten der Ansicht sind, unsere Politiker zeigten einen eklatanten Mangel an Sachkenntnis aus. Hätte man mich gefragt, ich hätte auch Zweifel angemeldet, dass Menschen, die nicht einmal wissen, was ein Browser ist (aber trotzdem Internetpolitikerin des Jahres geschimpft werden), meine Interessen in der digitalen Welt entsprechend vertreten (können). Wenn 44% ihnen im Gegenzug ausreichend Sachkenntnis bescheinigen, hingegen schon. Die TLD, DNS, GAGA, GOGO, TRALAFITTI-Fraktion (der Vollständigkeit halber: Es war Dieter Wiefelspütz, der diesen “Ausdruck” auf Abgeordnetenwatch prägte) und ihr rechtsfreier Raum “Internet” sind meiner Meinung nach ein eher ungleiches Paar.

Interessant ist aber auch, was bitkom da (laut Heise) als “Internetpolitik” ansieht:

Unter “Internetpolitik” versteht der Bitkom verschiedene Politikfelder wie der Datenschutz, der “Schutz des geistigen Eigentums in der digitalen Welt” oder die Bekämpfung der Online-Kriminalität.

Schön, dass die beiden letzten Punkte getrennt und nicht als einer aufgetreten sind.

Wie man aber auf die Idee kommen kann, dass ein Politiker erst einen “Internet-Führerschein” machen möge, bevor er sich zur Internetpolitik äußert, ist mir nicht ganz klar. Immerhin 62% der Befragten hatte das in der Umfrage gefordert. So sehr die Idee auch ihren Charme versprüht – wirklich sinnvoll ist das meiner Ansicht nach nicht. Denn wo kämen wir hin, wenn ein Politiker erst einen Schienenfahrzeugwirtschaft-Führerschein machen müsste, um sich zu den desolaten Verhältnissen der Berliner S-Bahn äußern zu dürfen? Oder einen Landwirtschafts-Führerschein, um sich mit Milchbauern über die Preise ihrer Erzeugnisse unterhalten zu können? Die Liste ist endlos. Und zu ihrem eigentlichen Job kämen Parlamentarier wohl nie.

Ich wäre ja mit der Forderung nach Selbststudium mit von der Partie. Oder meinetwegen freiwillige (!) Schulungen/Seminare/Vorträge in Berlin durch den CCC. Oder auch durch die Piratenpartei, inklusive kleiner Debatte im Anschluss über ÜberwachungVorratsdatenspeicherung, SpionageOnline-Durchsuchung und ZensurZugangserschwerungsgesetz.

Achja, kleiner Hoffnungsschimmer: 70% der Befragten war die Piratenpartei ein Begriff, selbst bei den über 65-jährigen (die ja lange nicht als Zielgruppe der Partei wahrgenommen wurden) noch über zwei Drittel. Das macht doch Mut für die nächsten Wahlen!

Humanitäre Killerspiele gefordert – Teil II

November 22nd, 2009

Ich habe für den vorhergehenden Beitrag kurz ixquick bemüht. Dabei bin ich auf das Projekt “Killerspiele: rechtsfreie Räume?” von TRIAL und Pro Juventute gestoßen. Schon der Titel machte mir klar: Dafür gibt es einen eigenen Eintrag.

Bevor ich ans Eingemachte gehe: TRIAL steht, neben der engl. Bedeutung “Gerichtsverhandlung”, für “Track Impunity Always”, also “Ungestraftheit immer verfolgen” und ist die Kurzbezeichnung für die Schweizerische Gesellschaft für Völkerstrafrecht. Der Einstellung nach sind das die Menschen, die dafür sind, Verstöße gegen das Völkerrecht in jedem Falle zu verfolgen und zu ahnden. Also: Befürworter von Strafen. Es verwundert also nicht, wenn sie auch für Spiele auf Kontrollmechanismen setzen.

Aber zur Sache: Am Freitag veröffentlichte TRIAL gemeinsam mit Pro Juventute eine Presseerklärung, in der von einer “Studie” die Rede ist, welche das ob und wie der Beachtung des hum. Völkerrechts in Computer-Kriegsspielen zum Thema hatte. Das Ergebnis, so die Presseerklärung, sei so ernüchternd wie die Realität. Ich möchte zustimmen. Krieg ist eine schreckliche Sache. Wenn das Computerspiel solche Schrecken darstellt – ist das dann nicht schlicht wirklichkeitsnah? Ja ist es und ja, deshalb ist es grausam. Und deshalb liest sich die Forderung, das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte in Kriegsspiele einzubauen, eigentlich nicht schlecht. Aber: Menschenrechte (z.B. das Recht auf körperliche Unversehrtheit)? Krieg? Krieg nach Clausewitz ist die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln. Ich möchte Krieg an dieser Stelle “staatlich legitimierten Massenmord” nennen. Was hat das mit Menschenrechten zu tun?

Bleiben die Völkerrechte. Da ich bei der iuris GmbH nicht viel aussagekräftiges gefunden habe, habe ich mir die Genfer Konventionen bei den Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft (so der korrekte Titel der Schweiz) einmal angesehen, um die entsprechenden Erinnerungen aufzufrischen.

Ersteinmal: Die Genfer Konventionen gelten nur sehr eingeschränkt für Spione und Saboteure (vgl. hier) und inwieweit sie de jure Anwendung auf “Söldner” und “Freischärler” finden, sei dahingestellt (meiner Erinnerung nach nämlich ebenso wenig). Wenn also die Sprecherin von Trial fordert, als Reaktion auf die Erschießung eines Zivilisten im Spiel könne ein Rotkreuz-Mitarbeiter den Spieler darüber informieren, dass er gerade gegen Völkerrecht verstoßen habe [und deshalb die Mission nun gescheitert sei], muss ich mich ernsthaft fragen, wie sinnvoll das wirklich ist. Alleine die Vorstellung, dass zwischen zwei irgendwo hochgehenden Granaten, sporadischem Gewehrfeuer vom Rand des Bildschirms und dem Jaulen eines überfliegenden Jagdflugzeugs auf einmal ein Rotkreuz-Mitarbeiter auftaucht und den Spieler auf die gerade erschossene Gestalt und deren Status als Zivilist hinweist, ist lächerlich. Was sollte er denn sagen? “Herr Leutnant, Sie haben soeben einen Zivilisten getötet. Dieser ist nach Art. 3 der Genfer Konvention geschützt. Dadurch, dass Sie sich somit gem. §8 I Nr. 1 VStGB strafbar gemacht haben, ist ihre Mission gescheitert. Kehren Sie unverzüglich zum Hauptquartier zurück und treten Sie ihre lebenslange Freiheitsstrafe an. Gehen Sie direkt dorthin. Gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie keine 4.000€ ein.”

Aber mal im Ernst: Natürlich geschehen in manchen Kriegsspielen am Computer Kriegsverbrechen am laufenden Band. Da werden nicht nur Zivilisten, sondern auch Verwundete niedergeschossen als gäb’s kein Morgen (naja, für die sicher nicht). Aber – Hand auf’s Herz – das ist nunmal leider Alltag im KriegBewaffneten Konflikt. Nicht jede Armee obduziert jeden Toten auf der anderen Seite (das Wort “Gefallener” benutze ich hier einmal bewusst nicht. Schließlich ist das kein Krieg im Hindukush…) genauestens, um zu ermitteln, ob nicht vielleicht ein Projektil in den Rücken und nicht in die Brust eindrang. Klar, die Bundeswehr leistet sich sowas, aber die Amerikaner? Die Russen? Die Franzosen? Die Italiener? Die Briten? Ohne diesen Staaten und ihren bewaffneten Armen per se Kriegsverbrechen unterstellen zu wollen (wobei, im Falle der Amerikaner nenne ich nur zwei Stichworte: Guantanamo, Abu Gareibh) – ich gehe davon aus, dass sie die Fälle, die es sicher gibt (Prinzip “Schwarzes Schaf” eben) sicher nicht so lückenlos aufdecken, wie wir.

Das hilft allerdings nicht dabei, dass die Gewaltdarstellung in Kriegsspielen am Computer weit über das hinausgeht, was völkerrechtlich legitimiert ist. Und das ist in der Tat etwas, was man kritisieren kann, darf und meiner Ansicht nach auch sollte. Man sollte sich davor verwahren (und das rechne ich TRIAL und Pro Juventute hoch an), die Spieler zu kriminalisieren. Aber auch das “Bestrafen” dieser Umstände halte ich für fragwürdig bis – bitte um Verzeihung – bescheuert. Entweder man spielt so ein Spiel, um Agressionen abzubauen (dann allerdings wohl weniger ein taktisches Kriegsspiel) oder, weil man die taktische und strategische Auseinandersetzung auf dem Gefechtsfeld – warum auch immer – anziehend findet. Und dann geht es eher darum, die Mission zu erfüllen, also dem Gegner (ob nun Computer oder Mensch) die eigene Überlegenheit zu demonstrieren.

Und hier der Knackpunkt, da, wo TRIAL und Pro Juventute aussteigen: Bestrafen ist nicht das Mittel der Wahl. Nicht bei einem Spiel, das ein Mensch allein gegen Computergegner spielt. Sollte ich in einem Spiel den obigen Dialog lesen/hören, werde ich das Spiel wegwerfen. Und ich bin sicher nicht der einzige, der das so machen würde.
Das Mittel der Wahl ist – und das Prinzip kennen auch die “begutachtenden” Organisationen – die Belohnung anstatt der Bestrafung. Ein Spiel, das Extrapunkte dafür vergibt, die Genfer Konventionen einzuhalten, macht bei weitem mehr Spaß als eines, das abbricht, weil ein verirrter Granatsplitter einen Verwundeten gestreift hat.

Aber da kommt der Mensch nicht aus seiner Haut. Ich bemerkte es eingangs, TRIAL, das sind die jenigen mit den Strafen für Kriegsverbrecher. Und prinzipiell rennen sie da bei mir offene Türen ein. Der Durchschnitts-Spieler von Command & Conquer, Tom Clancy’s (Spieltitel), Battlefield oder Codename: Panzers ist nunmal kein Kriegsverbrecher in der Größenordnung eines Milosevic, Ngeze, Hussein oder gar Hitler (und Konsorten). Er ist ein normales, wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Und deshalb muss man auch nicht bestrafen, was er “falsch” macht (Es ist ein Spiel… ein Computerspiel… keine Realität!), sondern fährt wesentlich besser damit, Anreize für richtiges Verhalten zu setzen.

Denn, da hat der schweizerische Oberpirat ein wahres Wort gesprochen: Für Ethik im Spiel ist jeder selbst verantwortlich.

Humanitäre Killerspiele gefordert

November 22nd, 2009

Die Meldung ist von Freitag und einen schönen Kommentar habe ich hier schon gelesen. Dennoch fühle ich mich genötigt, mit Centstücken um mich zu werfen:

Menschenrechte sollen auch in Killergames gelten titelt “20 Minuten Online”, ein schweizer News-Portal mit mir unbekannter politischer Ausrichtung. Kern der Aussage ist, dass die Gesellschaften “Pro Juventute” (”Für die Jugend”?) und die “Schweizerische Gesellschaft für Völkerstrafrecht (Trial)” fordern, in KillerKriegsspielen möge das humanitäre Völkerrecht geachtet werden. Im Klartext: Keine Folterszenen, keine Tötungen Unbewaffneter oder Unbeteiligter. Soweit der auf den ersten Blick sinnvolle Teil des Anliegens.

Auf den ersten Blick? Sinnvoll? Ja.
Gewalt ist verabscheuenswürdig und die Welt wäre schöner, käme sie ohne aus. Aber anstatt Gewaltspiele (über deren Daseinsberechtigung ich an dieser Stelle nicht debattieren will) verbieten zu wollen, kommen die genannten Organisationen auf die Idee, sie m.A.n. pädagogisch wertvoll zu entschärfen. Kein Verbotswahn, keine Spieleverbrennungen wie zuletzt durch das unselige “Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden”, kein Geifern in Richtung Amokläufe und Terrorismus. Im Gegenteil: Man will die Spiele so verändern (lassen), dass wenigstens die elementarsten Grundsätze der “humanen Kriegsführung” gewahrt bleiben. Ich bin geneigt, das als Meilenstein im Verständnis um Computerspiele anzusehen.

Sinnvoll ist diese Veränderung trotzdem nicht. Denis Simonet, Präsident der Piratenpartei in der Schweiz kommentierte: “Das wäre Zensur. Ethik im Spiel ist ein individueller Entscheid.” Da ich die Einschränkung zunächst für sinnvoll hielt, habe ich den ersten Satz kurzerhand als (hinreichend platte) Parole entlarvt. Der zweite Satz hat mich da schon nachdenklich gemacht. Und ich muss sagen: Recht hat er.

Auch, wenn die Lachmuskeln schmerzen

September 22nd, 2009

- geht trotzdem!

http://www.youtube.com/watch?v=rTJ9tgf8IyM

Proppenvoll mit FDP!

September 21st, 2009

“Proppenvoll mit FDP” freut sich der Landeschef der Liberalen, Holger Zastrow. Es geht um einen Koalitionsvertrag, den Koalitionsvertrag der sächsischen Landes-CDU mit der sächsischen Landes-FDP. Das fragliche Dokument findet sich hier und es stehen eine Menge interessanter Sachen drin. Besonders interessant sind die Zeilen 9 und 10 auf Seite 50 von 57:

Wir werden Graffiti-Schmierereien effektiv bekämpfen und bestehende Eingriffsmöglichkeiten bei der Telefonüberwachung auch auf Internettelefonie ausdehnen.

Jawoll, proppenvoll mit FDP!

(Gefunden habe ich das ganze übrigens bei Heise)

Update: Im gleichen Vertrag steht übrigens, man will die PKK unterstützen. Nein, noch gibt schwarz-gelb nicht offen zu, eine Terror-Organisation zu sein – gemeint ist die “Parlamentarische Kontrollkommission” in Bezug auf den Verfassungsschutz. Die Abkürzung ist ein wenig ungünstig gewählt – aber sehr unterhaltsam!