Noch brennt es nicht, aber einige Hitzköpfe, so scheint mir, spielen bereits mit dem Feuerzeug. Worum geht es? Na klar – um den Bildungsstreik.
Als am Montag die Forderungen des Bundesweiten Bildungsstreiks von der hiesigen AG Bildungsstreik feierlich dem Präsidenten Herrn Dr. Pleuger übergeben wurden, hielt dieser eine längere Rede. Unter anderem bekundete er Verständnis für den Bildungsstreik, einige der Positionen, sicherte Dialogbereitschaft zu und bat (im Gegenzug dafür) darum, dass man zuerst in diesen Dialog treten möge – um erst dann zu streiken. Kurz: Es wurde ihm freundlich zugesichert, man wolle schließlich nicht einfach auf sturen Konfrontationskurs gehen, sondern etwas verbessern und mit der Universitätsleitung zusammenarbeiten.
Heute tagte dann die “Vollversammlung” der Studenten, einberufen durch eben jene AG Bildungsstreik, federführend unter anderem auch der Studentdie Studenten, der am Montag kurz (aber dem Umstand entsprechend “feierlich”) mit dem Präsidenten sprach. Nach und nach wurde das Phänomen “Bildungsstreik” vorgestellt, von Aktionen an anderen Orten berichtet, schließlich eine Diskussion in Gang gebracht, in der um Vorschläge für den Bildungsstreik an der Viadrina gebeten wurde. Unter dem Punkt “konkrete Aktionen hier” wurde auch – wen wundert’s – das Thema “Hörsaalbesetzung” genannt.
Es wurden einige Punkte für (Zeichen setzen, aktive Solidarität) und wider (Verhältnis zum Präsidium und der Leitung doch sehr gut, Offener Umgang) genannt, das Argument eines zentralen Anlaufpunktes zur Information führte schließlich dazu, dass der Konsens auf einen wie auch immer gearteten Raum an der Universität für den “Streik” hinauslief. Natürlich ohne Störung des Lehrbetriebes – aber das versteht sich einerseits von selbst und ist auch in besetzten Hörsäälen an anderen Universitäten kein Thema.
Im wesentlichen kamen dann drei Vorschläge zur Realisierung einer solchen “Besetzung” auf:
Erstens könnte man ein Zelt auf dem Campus aufstellen, dort der Jahreszeit entsprechend für Erwärmung (Suppe ebenso im Gespräch wie Glühwein) sorgen und ansonsten eben die “Streikzentrale” bilden. Inklusive Information und Diskussion.
Zum zweiten könne man einen Hörsaal besetzen – gleiches Ziel.
Oder eben die Universitätsleitung um einen Raum bitten, der zum genannten Zweck dient. Dazu muss man sagen, dass während des Bildungsstreiks für Studenten keine Anwesenheitspflicht bei Lehrveranstaltungen gilt, ein erstes Zugeständnis in diese Richtung also schon gemacht wurde, um diesen “wichtigen politischen Prozess”, wie es der Offizielle am Montag ausdrückte, zu ermöglichen.
Auf das Zelt hatte eigentlich keiner der Anwesenden (schätzungsweise knapp unter 100) wirklich Lust. Es ist nur zum Teil der Jahreszeit geschuldet; man befürchtete geringere Teilnehmerzahlen und – nicht ernst genommen zu werden, wenn man es nicht schaffe, einen Hörsaal zu besetzen.
Das wollte man indes auch nicht, es sei zu agressiv, zumal die Zustände an der Universität ja noch vergleichsweise gut sein. Man könne schließlich noch mit der Leitung in einen Diskurs treten (ich erinnere: das hatte man auch versprochen).
Friedlich um die Möglichkeit der besseren Organisation (denn mit diesem Argument wurde der Raum schließlich gefordert) einfach mal um einen Hörsaal zu bitten, kam indes auch nicht in die Frage. Zur Erfolgschance kann nur angemerkt werden, dass der Hörsaal, in dem die “Vollversammlung” statt fand, auch auf Nachfrage überlassen wurde. Recht schnell und bürokratielos, hatte ich den Eindruck. Gegen diese Möglichkeit wurde allerdings argumentiert, das sei zu “brav” und man werde nicht ernst genommen, wenn man “erst fragen würde”, bevor man sich den Raum, den man ja so wie so haben will, einfach nehme.
Einmal abgesehen davon, dass mir diese Ansicht schon von moralischen Gesichtspunkten her (”Nehmen wir es uns einfach, wenn sie es uns vielleicht nicht geben wollen, müssen wir auch nicht fragen!”) unverständlich ist, läuft die Aktion auf diese Weise in die gänzlich andere Richtung, als beabsichtigt wurde: Ob man nun einen Hörsaal nimmt oder ein Zelt auf Unigelände aufstellt – beides Male ohne ein (offizielles) Wort der Warnung, also als halbwegs agressive (”Immerhin wollen wir doch streiken!”, so ein Gegner der Bitte um Räumlichkeiten) Handlung. Neben der Frage, wem man eigentlich was sagen will (gegen die Universität richten sich die Proteste nämlich eher weniger) ist da auch die Frage, von wem man ernst genommen werden will: Von den mitprotestierenden Hörsaalbesetzern (denen die “Verhandlung” zu “weichgespült” sein könnte) oder vom Verhandlungspartner, der Universität und der Politik.
Ich als Teilnehmer am Bildungsstreik nähme jeden Protestierenden ernst. Sich im Protest üben kann man nämlich auch außerhalb von Lehrveranstaltungen, die man trotzdem weiterhin besucht. Auch die schlichte Präsenz an so einem zentralen Ort oder das Verteilen von Flugblättern ist Protest. Ich glaube nicht, dass die Agressivität des Protests ein Maßstab ist, an dem die Teilnehmer des Protests sich gegenseitig messen.
Ich wage hingegen zu bezweifeln, dass eine Universitätsleitung einen Verhandlungspartner ernst nimmt, der auf der einen Seite friedliche Verhandlungen verspricht und zum Auftakt der Aktionswoche am Montag erstmal Universitätsgelände besetzt. Wenn ich mich daran erinnere, dass dem Präsidenten eine Besetzung so unangenehm wäre, dass er in seiner kleinen Rede nach Überreichung der Forderungsliste des Bundesweiten Bildungsstreiks mehr als nur einen Satz dafür verschwendete, dass sowas doch bitte unterlassen werden möge.
Verhandlungspartner, die sich gegenseitig ernst nehmen, kommen ohne “Cowboy-Diplomatie” der harten Fakten aus, sondern können auch erst einmal mit einander reden. Ohne, dass man besetzt, räumt und beiderseits Fronten verhärtet.
Also, liebe Kommilitonen von der AG Bildungsstreik, bitte überlegt euch das nochmal in Ruhe. Bis Montag ist ja noch ein bisschen Zeit.